Ed van der Elskens Werk wurde in Deutschland zumeist nur in Ausschnitten vorgestellt. Einem größeren Publikum wurde er durch die Präsentation einer Reihe von Arbeiten aus der Serie „Sweet Life“ auf der documenta X in Kassel bekannt. Die Wolfsburger Schau unternimmt den Versuch, den Künstler erstmals umfassend dem deutschen Publikum vorzustellen und hierbei vor allem seine Medienvielfalt zu berücksichtigen. Außer van der Elskens Fotos werden auch Filme, Bücher und Dia-Ton-Shows zu sehen sein.

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Laut eigenem Bekunden sah van der Elsken im Jahre 1947 eine Ausgabe des Fotobuches „Naked City“ des amerikanischen Fotografen Weegee, welches in ihm den Wunsch entstehen ließ, Fotograf zu werden. Weegee und dessen Blick auf die Stadt sollten programmatischen Einfluss auf van der Elskens Art zu fotografieren ausüben. Ähnlich wie Robert Frank und William Klein fühlte sich van der Elsken zu den Schattenseiten der menschlichen Existenz hingezogen.

1950 ging van der Elsken nach Paris. In den Fotos, die in der folgenden Zeit entstehen, ist Weegees Einfluss deutlich zu erkennen: Betrunkene, Obdachlose, jugendliche Arbeitslose, die die Straßen von Saint-Germain-des-Prés zu ihrem Zuhause gemacht hatten. Hunderte von Aufnahmen entstehen in dieser Zeit, die Elsken 1956 in Form eines Fotoromans, „Eine Liebe in Saint-Germain-des-Prés“, veröffentlicht.

Im Jahr 1955 kehrt van der Elsken nach Amsterdam zurück. Ist zunächst sein unmittelbarer familiärer Kontext Mittelpunkt seines Interesses, so beginnt er bald die Jazz-Szene in Amsterdam zu fotografieren, was ihn – ähnlich wie in Paris – wieder hin zur Beobachtung des sozialen Umfelds und nonkonformistischer Jugendlicher führt.

Im Jahr 1959 macht sich Ed van der Elsken zusammen mit seiner Frau, Gerda van der Veen, auf den Weg zu einer Weltreise, die über ein Jahr dauern wird. Van der Elsken reist im Auftrag zweier Magazine und des niederländischen Fernsehens. Während seiner Weltreise besucht er verschiedene Länder in Afrika, Asien und Amerika. Sechs Jahre nach seiner Rückkehr wird eine Auswahl dieser Fotos unter dem Titel „Sweet Life“ veröffentlicht. Im Verlauf der Reise wurden bereits regelmäßig Fotos in den Magazinen publiziert und Kurzbeiträge im Fernsehen gesendet.

Van der Elsken filmt so wie er fotografiert. Parallel zu den Fotoarbeiten entstehen Filme, die thematisch den Fotosequenzen entsprechen. Van der Elsken sucht nach einem Weg zwischen beiden Medien und arbeitet in den folgenden Jahren auch als Regieassistent oder Kameramann für andere Filmemacher.

Für das filmische Werk dieser Zeit wird exemplarisch der 16-mm-Film „Welkom in het leven, lieve kleine“ von 1963 gezeigt. Ed van der Elsken dokumentiert darin das Leben seiner Familie und ihr Wohnviertel im Amsterdamer Nieuwmarkt-Viertel und die Zeit vor und kurz nach der Geburt seines Sohnes Daan Dorus.

Die Farbfotografien aus den 70er-Jahren, die van der Elsken 1977 in dem Buch „Eye Love You“ veröffentlichte, werden als aufeinanderfolgende Diapositive in der Ton-Dia-Show „Eye Love You“ zu sehen sein.

Der thematische Teil der Ausstellung bezieht sich auf die wichtigsten Orte, an denen Ed van der Elsken immer wieder gearbeitet hat: Paris, Amsterdam, Tokio. Neben den in den verschiedenen Städten entstandenen Aufnahmen wird ein zehnminütiger Zusammenschnitt seines Filmes „Een Fotograf filmt Amsterdam“ von 1982 gezeigt. Die Fotografien aus dem japanischen Kontext werden durch eine weitere, für die Ausstellung in Wolfsburg rekonstruierte Tondia-Show „Tokyo Sinfonie“ ergänzt.

Sein letztes Hauptwerk, der zwischen 1988 und 1990 in Zusammenarbeit mit seiner Frau Anneke van der Elsken-Hilhorst realisierte Videofilm „Bye“, dokumentiert die letzten 27 Monate in van der Elskens Leben, nachdem bei ihm Krebs diagnostiziert worden war. Dieser Film über das eigene Sterben beeindruckt durch die Gnadenlosigkeit, mit welcher der Künstler seinen Verfall dokumentiert und das Fehlen jeglicher Sentimentalität.

Ed van der Elsken hat in seiner Arbeit die Grenzen zwischen beruflicher und privater Sphäre, zwischen Fotografie und dem wirklichen Leben aufgehoben. Stets ist seine subjektive Wahrnehmung integraler Bestandteil seiner fotografischen und filmischen Arbeiten, stets sind seine Bilder auch Dokumente seiner Identität als Künstler, Mann, Liebhaber, Familienvater sowie seines unerschütterlichen Optimismus, der sich an seinem Diktum im Film „Be strong everybody. Take care. Show who you are“ manifestiert.

Katalog
Ed van der Elsken. Sweet Life. Fotografien + Film 1949–1990
Texte von Andrea Brodbeck, Marc M. Hartman, Enno Kaufhold, Michael Naura, Hans Schoots, Hripsimé Visser und Fuminori Yokoe. Mit einem Gespräch zwischen Annelie Lütgens und Anneke van der Elsken.
24 x 29,5 cm, 192 S., 134 s/w und 45 farbige Abb.
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2000
ISBN 3-7757-0919-3
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