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Die US-amerikanische Künstlerin Barbara Kasten (*1936, lebt und arbeitet in Chicago) wird im Kunstmuseum Wolfsburg erstmalig in Europa mit einer musealen Überblicksausstellung geehrt. Die als artist’s artist zu bezeichnende Künstlerin hat innerhalb der vergangenen vier Jahrzehnte ein beeindruckendes Werk geschaffen, in dessen Zentrum ihre abstrakten Fotografien stehen. Obwohl Arbeiten von Barbara Kasten schon in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen in den USA und auch vereinzelt in Europa zu sehen waren und sich Werke von ihr in bedeutenden Sammlungen befinden (u.a. MoMA, New York; Tate Modern, London; Centre Pompidou, Paris), war ihr Œuvre in Europa bisher nur vereinzelt zu sehen. Die Schau Barbara Kasten. works präsentiert nun erstmalig einen umfassenden Überblick – von frühen Skulpturen, über ihre konstruktivistischen Fotografien bis hin zu neuesten installativen Videoarbeiten.

Nach Abschluss ihres Malereistudiums lebte und arbeitete Barbara Kasten in den 1960er-Jahren in Deutschland. In dieser Zeit setzte sie sich intensiv mit den Ideen des Bauhauses sowie mit der Haltung der Moderne gegenüber Raum, Bühne und Architektur auseinander. Als Barbara Kasten gegen Ende der 1960er-Jahre in die USA zurückkehrte, um in Kalifornien ein Folgestudium aufzunehmen, konzentrierte sie sich zunächst auf die Entwicklung ihrer Fiberglasskulpturen. Inspiriert u.a. durch die Fotogramme von László Moholy-Nagy, aber auch durch die interdisziplinäre Ausrichtung des Bauhauses, den Konstruktivismus sowie der modernen Fotografie und Architektur, begann sie darüber hinaus mit alternativen Fototechniken zu experimentieren, insbesondere der Cyanotypie. Hierfür sowie für ihr gesamtes weiteres Werk verwendete sie einfachste Materialien wie etwa Fliegengitter, Plexiglas, Spiegel usw., die sie in ihrer Umgebung gefunden hat. Ihr zentrales Anliegen war es dabei, das Medium Fotografie in ein malerisches Konzept zu überführen.

Wichtigste Medien der Inszenierung sind für Barbara Kasten dabei von Beginn an Licht und Schatten. Die verwendeten Alltagsmaterialien werden innerhalb ihrer Serie der Constructs zunächst in Schwarz-Weiß-Ästhetik, später durch spezifische, meist buntfarbige Beleuchtung inszeniert und dadurch transformiert, also ihrer Alltäglichkeit enthoben. Die verschiedenen Haptiken der Oberflächen der verwendeten Materialien werden in ihren Eigenschaften besonders herausgearbeitet und miteinander in einen spannungsvollen Dialog gesetzt. Unebenheiten, Bruchkanten oder Knicke werden von Barbara Kasten bewusst nicht kaschiert, um innerhalb der künstlerisch inszenierten, betont artifiziell wirkenden Settings einen Bezug zur Wirklichkeit zu belassen. Die Interaktion zwischen den Materialien und dem Licht steht dabei im besonderen Fokus ihrer Arbeit – „Licht hat sehr viel mit Emotionen zu tun“, so Kasten. 

Parallel zu den zwischen 1979 und 1986 entstandenen Constructs, begann sie 1984 ihre analoge Fotografie-Serie der Architectural Sites (1984-1987). Als Motive für diese Serie dienten ihr US-amerikanische Architekturen des finanziellen und kulturellen Austausches (z.B. World Financial Center, Whitney Museum of American Art). Für die real existierenden Gebäude baute sie mit den Mitteln der Fotografie quasi vor Ort eine „Bühne“, um diese – ebenfalls in geradezu surreales Licht getauchte „Alltagsmaterialien“ – zu inszenieren. Ergebnis dieser künstlerischen Untersuchung sind großformatige, nahezu abstrakte, intensiv buntfarbige Fotografien, in denen Illusion und Realität miteinander verschmelzen.

In den letzten Jahren entstanden Videos von Barbara Kasten mit der künstlerischen Intention, die räumliche Illusion des Videos durch die Einbeziehung von realen Raumobjekten zu steigern. Mit dem gleichen konzeptionellen Ansatz hatte sie bereits zuvor auf unterschiedlichste Weise gearbeitet. Ihre Videos werden wiederum auf die Skulpturen projiziert, um eine Verschmelzung unterschiedlicher Zeitmodi zu erreichen – zwischen der Statik der Skulptur einerseits und der zeitbasierten Repräsentation ihrer selbst im Video andererseits. In ihren neuesten Arbeiten verfolgt sie diese Strategie weiter, indem sie die Fotografie in ihre skulpturalen Reliefs integriert und auf diese Weise neue hybride Objekte entstehen lässt.  

Das Werk von Barbara Kasten stellt eine geradezu singuläre Position im internationalen Kunstbetrieb dar. Gerade in Zeiten von Photoshop und den unbegrenzt erscheinenden Möglichkeiten der digitalen Manipulation von Bildern stehen ihre Werke für eine Avantgarde-Position des Analogen, die vor allem für eine jüngere Generation von Künstler*innen äußerst inspirierend ist. In ihrer konstruktivistischen Qualität, ihrem zuweilen schlichten Minimalismus, ihrer Verbindung von unterschiedlichen räumlichen Ebenen, den ambivalenten Validitäten der verwendeten Materialien sowie der geradezu malerischen Delikatesse des Kolorits stellen die Fotografien von Barbara Kasten die Möglichkeiten des Abstrakten in der Fotografie auf eine neue und zugleich einzigartige Ebene. Die Ausstellung Barbara Kasten. works bietet nicht nur die Möglichkeit einer intensiven Begegnung mit dem beeindruckenden Werk der Künstlerin, sondern verdeutlicht auch auf eindrückliche Weise: „it works“.

Die Ausstellung wird begleitet von einer zweisprachigen Publikation (dt./engl.), die mit Texten renommierter Kunstwissenschaftler*innen und einem Interview einen vertiefenden Einblick in das umfangreiche Schaffen von Barbara Kasten bietet.

Kurator: Andreas Beitin

 

Bildunterschrift: Barbara Kasten, Architectural Site 8, Loyola Law School, Los Angeles, CA, December 21, 1986 © Barbara Kasten, Courtesy of the artist and Kadel Willborn, Düsseldorf