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Künstliches Licht wurde zu Beginn der Moderne ausschließlich positiv konnotiert und galt als Symbol des modernen Lebens. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts tauchen jedoch auf der reinweißen Weste des Lichts zunehmend dunkle Flecken auf: So wird Licht heute trotz aller technischen Weiterentwicklung und unbestreitbaren Vorteile auch mit Lichtverschmutzung und Energieverschwendung in Verbindung gebracht. Das Ausstellungs- und Publikationsprojekt Macht! Licht! im Kunstmuseum Wolfsburg zeigt künstlerische Positionen, die sich bewusst auf politische, ökologische oder soziale Aussagen konzentrieren und den (gedankenlosen) Einsatz von Licht – und damit auch im übertragenden Sinn den Einsatz von Ressourcen allgemein – kritisch kommentieren.

„Wir werden uns an dem Ort treffen, wo keine Dunkelheit herrscht“. Diese, einen vermeintlich freundlichen Ort umschreibende Aussage durchzieht George Orwells dystopischen Roman 1984 wie ein roter Faden. Er spielt dabei mit einer tradierten positiven Lichtmetaphorik, nach der Licht, also das Helle, gut ist und das Dunkel schlecht, respektive böse. Der angekündigte, immer helle Ort entpuppt sich im Laufe der Handlung jedoch als Folterstätte. Die von Orwell verwendete Lichtmetaphorik reicht bis in die Antike zu Platons Sonnengleichnis zurück und spielt nicht zuletzt auch im Christentum eine große Rolle. So endet beispielsweise die Offenbarung des Johannes mit der Hoffnung auf eine Welt, in der es „keine Nacht“ mehr geben wird.

Negative Bedeutung bekam das Licht erst durch die weitreichende Substitution des Sonnenlichts durch elektrisches Licht im 20. Jahrhundert. Die sich ins Negative verkehrende Verwendung des Lichts geht heute in ihrer extremsten Anwendung so weit, dass mit Licht gefoltert wird: Das psychisch wie physisch quälende Ausgeliefertsein einer ständigen Lichtquelle ist ein Mittel aus dem Arsenal der euphemistisch bezeichneten „weißen Folter“. Vor allem unter dem Aspekt der Macht bzw. Machtausübung lässt sich eine kulturhistorische Entwicklung des künstlichen Lichts anschaulich am Beispiel von Scheinwerfern nachvollziehen, die schon früh – wie einige andere Dinge des täglichen Bedarfs auch ­– im militärischen Bereich entwickelt wurden. Den Zenit ihrer Popularität erreichten moderne elektrische Scheinwerfer im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte unter dem NS-Architekten Albert Speer, der zur Inszenierung und Illustrierung der nationalsozialistischen Allmachtsfantasien im Dritten Reich mit zahlreichen Scheinwerfern, riesige, in einige Kilometer Höhe reichende Lichtdome baute. Über diesen machtvoll-megalomanen Einsatz hinaus sind Scheinwerfer aber auch davon losgelöst politische Lichtwerfer, denn sie ermöglichen die Trennung von Leuchtendem und Beleuchtetem: Sie leuchten nicht allgemein und ohne hierarchische oder soziale Unterschiede, sondern können selektiv eingesetzt werden. Der Leuchtende entscheidet, wen oder was er beleuchten will. Der Scheinwerfer ist es, der „den Blick selber mobilisiert und mechanisiert“ (Friedrich Kittler, 1991). Gerade in unserer heutigen Celebrity-Kultur sind es die Scheinwerfer der Fernsehstudios und Glamour-Events, die darüber entscheiden, ob man respektive frau von Bedeutung ist oder nicht.

Die Ausstellung Macht! Licht! sucht im wesentlichen Unterschied zu den bisher realisierten Lichtkunst-Schauen nicht das ganz große umfassende Spektrum aller möglichen Kunstwerke, in denen elektrisches Licht auf irgendeine Art zum Einsatz kommt, sondern konzentriert sich dezidiert auf solche künstlerischen Positionen – dies vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Spannungsfeldes zwischen metropolitaner Lichtverschmutzung durch stets zunehmenden Be- und Ausleuchtungswahn einerseits, und immer ausgefeilteren Beleuchtungskonzepten bei gleichzeitiger Energieeffizienz andererseits – bei denen dem Licht bzw. den Lichtkunstwerken eine im weiteren Sinn politische, soziale und/oder ökologische Aussage inhärent ist.

Ausgehend von ausgewählten Werken aus der Sammlung des Kunstmuseum Wolfsburg, wird in der abgedunkelten zentralen Halle des Museums ein faszinierendes Spektrum an Werken der Lichtkunst präsentiert, deren konzeptuelle Reflexionsebenen um das Gesellschaftspolitische und mithin das Politische kreisen.

Die Entwicklung und Verwendung des Mediums Licht in der Kunst wird im Rahmen von zahlreichen, sich teils überschneidenden Kapiteln folglich vor allem in seinen im weiteren Sinn politischen Dimensionen untersucht: Utopie/Dystopie; Ökologie/Biologie; Ökonomie; Gewalt/Macht; Kontrolle/Überwachung; Werbung/Manipulation; Aufklärung/Verunklärung; Grenze/Ausgrenzung; öffentlicher Raum u.a.

Zur Ausstellung erscheint eine umfangreiche zweisprachige Publikation (dt./engl.) mit Beiträgen aus Kunstwissenschaft, Soziologie, Biologie, Theologie und Philosophie.

Die Künstler*innen:
Siegrun Appelt, Christian Boltanski, Gesine Braun, Lee Bul, Martin Creed, Tracey Emin, Sylvie Fleury, Claire Fontaine, Kendell Geers, Brion Gysin, Mona Hatoum, Jeppe Hein, Georg Herold, Lori Hersberger, Damien Hirst, Stephan Huber, Alfredo Jaar, Mischa Kuball, Kazuo Katase, Dominik Lejman, Claude Lévêque, Mario Merz, Sarah Morris, Heike Mutter & Ulrich Genth, Warren Neidich, Nana Petzet, Julius Popp, Robert Rauschenberg, James Rosenquist, Gregor Schneider, Marie Sester, Tavares Strachan, Paul Thek, Timm Ulrichs, Mariana Vassileva, Cerith Wyn Evans u. a.

Kuratoren: Andreas Beitin, Holger Broeker

 

Bildunterschrift: Gerhard Merz, An Étienne-Louis Boullée III, 2006 © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Marek Kruszewski