Richard Artschwager

Chair

1963
Artschwager Chair B1920pix 72dpi

© Richard Artschwager
Photo: Helge Mundt

© Richard Artschwager
Photo: Helge Mundt

Formica on wood
94 x 51 x 56 cm
Inv. 1993/3

Aus der Produktion von Gebrauchsmöbeln heraus begann Richard Artschwager in den sechziger Jahren Skulpturen zu konzipieren, die Stühle, Tische etc. aus ihrem funktionalen Zusammenhang lösten. Dabei ging es ihm „um den Versuch, mit dem zwecklosen Abbilden des Gegenstands auch die mit ihm kodierten Konventionen ad absurdum zu führen und einfachsten Erfahrungen im Raum wie Sitzen, Stehen, Liegen ihre Banalität und Selbstverständlichkeit zu nehmen.“[1] Mit Chair und Portrait II (1963) unternimmtArtschwager die ersten Versuche, diese komplexe Thematik umzusetzen.

Chair kann als Abstraktion eines viktorianischen Stuhls bezeichnet werden, der sich im Besitz Artschwagers befand. Der transformierte „Stuhl“ Artschwagers besteht nunmehr aus einem Gestell, das durch ein Imitat von gemasertem Holz markiert ist (im deutschen Handel als Resopal geläufig), einem „Sitzpolster“, das einen leuchtendroten Samtbezug imtitiert, der auch die Rückenlehne schmückt, die wiederum von dem bereits beschriebenen Imitat von gemasertem Holz umfaßt ist. Der Raum zwischen den „Stuhlbeinen“ ist ebenfalls mit Formica-beschichtetem Holz ausgefüllt (in diesem Falle in neutralem Schwarz), so daß sich insgesamt ein Objekt von minimalistischem Charakter ergibt: der Stuhl als ein Kubus mit einem Brett als Rückenlehne. Die Polarität zwischen dem Prinzip eines Stuhls und seiner handwerklichen Ausführung, aber auch zwischen der Benutzbarkeit des Möbels und der „Nutzlosigkeit“ des Bildnerischen und seiner Ästhetik wird deutlich. Chair wirft damit Fragen auf: Handelt es sich bei diesem Werk um Kunst oder Design, um eine Skulptur als Gemälde oder ein Gemälde als Skulptur?

 Diese Frage wird insbesondere angesichts Artschwagers Wahl und Zusammenstellung von Oberfläche, Material und Form virulent. Während Steven Henry Madoff das Material Formica als „memory of wood“[2] bezeichnet hat, ist es für den Künstler selbst „the horror of the age“: Es erlaubt, die optische Struktur beliebiger Materialien auf Kunststoffplatten zu übertragen; diese sind leicht abwaschbar, unempfindlich gegenüber Säuren und Laugen sowie widerstandsfähig bei mechanischen Beanspruchungen; ein billiges Allerweltsmaterial, dessen Eigenschaft nicht zuletzt darin besteht, (wertvolle) Materialien vorzutäuschen.[3] Aber es ist geeignet, im Zusammenklang mit zunächst minimalistischen, später komplexer werdenden Formen ein wesentliches Ziel Artschwagers umzusetzen, das Hinterfragen medialer Eigenschaften: „Sculpture is for the touch, painting is for the eye. I wanted to make a sculpture for the eye and a painting for the touch. [...] The work is not for torment, but for imagery.“[4]

In späteren Arbeiten wird die Fragestellung konsequent weiterentwickelt. Es findet eine Auflösung des Plastischen statt, indem der Stuhl in seine Oberflächen zerlegt und auf die Fläche der Wand bzw. in Raumecken appliziert wird.

Artschwager zeigt mit seinen gattungsübergreifenden Arbeiten auch, daß sich MinimalArt, Pop und Conzept Art nicht ausschließen müssen, ohne daß sich seine Werke von einer dieser Strömungen einverleiben ließen. Sein auf erkenntnis- und kunsttheoretische Fragestellungen zielendes Œuvre hat bislang so unterschiedliche Konzeptionen wie die von Imi Knoebel, John Armleder, Jan Vercruysse, Thomas Grünfeld und Jeff Koons nicht unberührt gelassen.



[1] Angelika Affentranger-Kirchrath: Richard Artschwager. Galerie Hauser und Wirth Zürich, in: Artis, 1995, H. 4/5, S. 64.

[2] Steven Henry Madoff: Richard Artschwager’s Sleight of Mind, in: Art News 87, 1988, Jan., S. 114-121, hier S. 116.

[3] Zu den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten dieses Materials, insbesondere im Bereich von Kunst und Design, vgl. Susan Grant Lewin (Hg.): Formica & Design. From the Counter Top to High Art, New York 1991, mit Bibliografie zu diesem Thema.

[4] Zit. Nach: Steven Henry Madoff: Richard Artschwager’s Sleight of Mind. In: Art News 87, 1988, Jan., S. 114-121, hier S. 116.

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